10.02.2026

Mein Kind will keine Gabel mehr benutzen

Eltern kritisieren Abläufe in der Kita Zülichendorf


In der Kita Zülichendorf (Teltow-Fläming) führen die Umsetzung des Bildungsplans und Lockerungen im Kita-Alltag zu Elternbeschwerden. Jetzt ist auch noch die Kitaleitung überraschend außer Dienst.

Was steckt dahinter?

Einige Eltern kritisieren die Abläufe in der Awo-Kita Entdeckerland in Zülichendorf. Quelle: Uwe Klemens

Zülichendorf. Zahlreiche Elternbeschwerden und Kritik an der Kitaleitung, die „bis auf Weiteres nicht im Dienst“ ist: In der Kita Zülichendorf (Nuthe-Urstromtal) herrscht Aufruhr. Ein Grund ist aus Sicht der Eltern eine angeblich verfehlte Kommunikation über neue Erziehungsmethoden. Zwischen den Eltern und den Kita-Verantwortlichen ist ein Streit entbrannt. Auch der Bürgermeister schaltet sich ein und prangert bestehende Regelungen zur Erziehung an.

 

Es geht um die Kita der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Zülichendorf, die aktuell 51 Kinder besuchen. „Wir waren in den letzten Jahren sehr zufrieden“, sagt eine betroffene Mutter. Sie ist eine von vier Familien, die sich an die MAZ gewandt haben und über die Abläufe in der Einrichtung sprechen wollten. Aus Sorge vor negativen Konsequenzen für ihre Kinder möchten sie anonym bleiben; der Redaktion sind ihre Namen bekannt.

Kita in Zülichendorf: Eltern kritisieren schlechte Kommunikation

Im Sommer 2025 wechselte an der Kita die Leitung. Seitdem hat es laut den Eltern zahlreiche Veränderungen gegeben. Demzufolge seien etliche frühere Kita-Regelungen gelockert worden.

Unter anderem werde auf feste Schlaf‑ und Essenszeiten sowie auf die Einhaltung elementarer Regeln weniger Wert gelegt. Als Beispiele führen die Eltern das Essen mit Besteck oder das Umziehen vor dem Mittagsschlaf an.

 

Simone Klawonn ist beim Awo-Bezirksverband Brandenburg Süd zuständig für den Bereich Kita. Sie sagt: Hintergrund der Umstellungen sei der Bildungsplan, den die Brandenburgische Landesregierung im Juli 2024 in Kraft setzte. Er sieht im Kern einen Kita-Alltag ohne Zwänge vor. Laut Simone Klawonn habe der Plan aber nicht zum Ziel, sämtliche Regeln abzuschaffen.

 

Sie verdeutlicht die Veränderungen am Beispiel des Mittagsschlafs: Kinder sollten selbst ausprobieren, ob und wie viel Schlaf sie benötigen. Wenn sie zu wenig schlafen, spüren sie die Konsequenz – Müdigkeit. Die Erzieher sollen dabei helfen, die negativen Folgen mit den Kindern einzuordnen, sodass diese ein Gefühl dafür bekommen, wann sie Schlaf brauchen.

Eltern aus Nuthe-Urstromtal kritisieren Kommunikationsstil

Das würden die Kinder oft gut und schnell hinbekommen, „das wissen wir aus der Erfahrung“, so Simone Klawonn. Aber: „Sie müssen sich daran gewöhnen, und diesen Prozess erleben die Eltern mit.“

Genau hier aber liegt das Problem der betroffenen Eltern in Zülichendorf. Sie kritisieren gegenüber der MAZ ein zu hohes Reformtempo und eine schlechte Kommunikation durch die Kitaleitung seit Juli 2025.

36 Eltern aus dieser Kita in Zülichendorf kritisieren die jüngsten Entwicklungen. Quelle: Uwe Klemens

„Sie haben oft zuerst umgesetzt und uns dann, teilweise erst Wochen später, informiert“, sagt eine Mutter. Viele Eltern seien mit den Folgen überfordert und fühlten sich alleingelassen. Die betroffene Mutter nennt einige Beispiele.

„Mein Kind steigt nachmittags teils völlig übermüdet ins Auto“, sagt sie. Zu Hause bekomme es dann Hunger, „doch mein Kind will keine Gabel mehr benutzen“. Die Eltern wüssten oft nicht, woher dieses Verhalten komme und welche Reaktion angemessen sei. Aus der Kita würden sie darauf oft nur unzureichende Antworten bekommen, so ihre Kritik.

Die Reformen würden bei einigen Eltern zudem Ängste schüren, etwa die Sorge, ob die Kinder in der Einrichtung noch „gut auf das spätere, regelbasierte Leben vorbereitet“ werden, so die Mutter. Auch darauf hätten die Eltern auf Nachfrage nur unzureichende Antworten erhalten.

Awo räumt Fehler ein

Die Kritik äußern nicht nur die vier Familien, mit denen die MAZ gesprochen hat. Auch in einem Brief, den insgesamt 36 Eltern aus der Kita unterzeichneten, wird dieser Kritikpunkt laut.

An dieser Stelle räumt Simone Klawonn Fehler ein: „Die Umstellungen waren richtig, sind aber zu schnell gegangen.“ Auch der Informationsfluss sei nicht optimal gewesen. „Wir haben es nicht geschafft, gut miteinander zu kommunizieren“, so Klawonn. Die Verantwortung dafür gibt sie jedoch beiden Seiten gleichermaßen.

Bürgermeister Scheddin schreibt offenen Brief

Auf viele Kritikpunkte habe man reagiert und beispielsweise einen extra Schlafraum geschaffen. Dort könnten die Kinder besser zur Ruhe kommen.

Am 9. Februar sorgte dann eine Nachricht von der Awo an die Eltern für Aufsehen, die der MAZ vorliegt: Die Kitaleiterin sei „bis auf Weiteres nicht im Dienst“. Einige Eltern fragen sich jetzt: Wurde sie entlassen? Simone Klawonn lässt diese Frage unbeantwortet: Zu den Gründen könne und dürfe sie nichts sagen

Mit Blick auf die Zukunft betont Simone Klawonn, es werde weitere Veränderungen in der Kita geben. In anderen Einrichtungen der Gemeinde sei der Bildungsplan „viel weiter umgesetzt“. Und dort seien die Eltern insgesamt zufriedener.

Um das auch in Zülichendorf zu erreichen, wolle man Änderungen in Zukunft genauer erklären: „Eltern brauchen Transparenz, wir brauchen Vertrauen und Verständnis. (…) Wir werden nicht mit der Brechstange agieren.“ Gleichzeitig stellt Klawonn klar: „Wir werden die Eltern informieren, aber sie entscheiden am Ende nicht.“ Dafür seien die ausgebildeten Fachkräfte zuständig, die „zum Wohle der Kinder“ handeln würden.

 

Auch bei Nuthe-Urstromtals Bürgermeister Stefan Scheddin (parteilos) haben sich nach dessen Angaben „viele Eltern gemeldet“. Er meint, dass der Bildungsplan selbst eine Mitschuld an dem Konflikt trage.

Scheddin sah sich deshalb dazu veranlasst, einen offenen Brief an die Fraktionen im Landtag und den Ministerpräsidenten zu senden. Darin fordert er eine Abkehr vom Bildungsplan: „Machen Sie Schluss mit der pädagogischen Schönwetterlyrik. Kehren Sie zurück zu dem, was sich bewährt hat.“

MAZ online vom 10.02.2026

Philipp Goschala